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„Den Verstand haben wir längst verloren …“ // Radio Havanna – Unsere Stadt brennt

Als das neue Radio Havanna Album angekündigt wurde – das gute Stück nennt sich Unsere Stadt brennt -, checkte ich erst einmal so halbbegeistert, ob es denn diesmal eine Platte geben würde. Ehrlich gesagt hegte ich keine allzu großen Hoffnungen, aber dann war ich gleich umso begeisterter, als ich sehen musste, dass es sich sogar um eine colored Vinyl handeln würde.

Orange hab ich nämlich noch nicht in der Sammlung.

Glaube ich jedenfalls.

Aber soviel dazu.

Mit Schiffbruch macht die Band gleich im ersten Song des Albums klar, wie sie dem aktuellen politischen Thema Flüchtlingspolitik gegenüberstehen, wenn es im Song heißt:

Ihr zählt die Sekunden zurück, bis das nächste Boot versinkt

ihr zählt die Sekunden zurück, die Hoffnung versinkt 

die Festung Europa, sie steht

Der Text wird mit ebenso rauer Musik unterlegt. Es wirkt auf eine Weise emotional und bedeutsam, was sich auch unweigerlich darin feststellen lässt, dass die Band mit diesem Song zu einer Art Aufklärung und zur Unterstützung von Pro Asyl aufruft.

Im Anschluss folgt Phantom. Im ersten Moment dachte ich, dass es eine Art Liebessong sein muss – ein ziemlich verschachtelter Liebessong, aber irgendwie ging mein Konzept da so ganz und gar nicht auf, auch wenn es so schön einfach gewesen wäre. Nachdem ich das ganze dann also noch dreimal gehört habe, bin ich mir zwar immer noch nicht so ganz sicher, aber vielleicht ist es eine Art Hymne an all die Sachen, die wir so gerne tun, auch wenn wir es vielleicht besser sein lassen sollte, auch wenn’s Spaß macht – eine Art Kick, der in Form eines Phantoms auftritt – naja, vielleicht arg weit hergeholt.

Vielleicht findet sich in diesem Song allerdings meine liebste Lieblingszeile des Albums:

Du bist der Name, den ich heimlich in die S-Bahn-Fenster kratz‘

Die Musik kommt ihr zeitweise etwas ruhiger daher, auch wenn es sich später wieder steigert. Wie eine Art Verzweiflung, die sich in den beiden Strophen weiter ausbaut und dann im Refrain mündet.

Mit Raketen hören wir den ersten, vorab veröffentlichten Song. Der kommt daher mit melodischen chorähnlichen Gesängen im Refrain und macht mir persönlich eine große musikalische Flexibilität deutlich. Auf jeden Fall finde ich den Song sehr eingängig – das Video dazu könnt ihr hier sehen.

Kaputt ist ein Song, der mich stark an „klassische“ Punksongs erinnert – unmusikalisch wie ich selbst bin, nenne ich es mal das charakteristische „Geschrammel“ zu Beginn. Auch hier möchte ich nochmal die unterschiedlichen Herangehensweisen an die Musik erwähnen, da sich doch deutliche Unterschiede zu Songs wie „Phantom“ zeigen.

Ich fühl mich heute so kaputt – doch die Welt ist noch kaputter

Insgesamt spiegelt sich in diesem Song aber auch etwas wieder, was das ganze Album betrifft. Es geht oft um diese Art von Überforderung durch zuviele Möglichkeiten, irgendwie – ich nenne es mal wikipediamäßig so – Generation Y und jünger.

Im Anschluss folgt Dynamit, wieder eher melodisch mit einem Piano (oder Keyboard) und ebenso wieder chorähnlichem Gesang.

Dynamit ist aber auch das Aufstehen und endlich aktiv werden, das Umdenken, das Realisieren – eine gewisse Entwicklung, wenn man den Song Kaputt im Vergleich dazu betrachtet:

Bis endlich alles anders bleibt

Song Nummer 6 – Glasherz – kommt zu Beginn etwas „nackter“ daher, was die Musik betrifft. Tut dem ganzen allerdings keinen Abbruch. Glasherz ist mein absoluter Lieblingssong.

Er wirkt unglaublich gefühlvoll, traurig und doch irgendwie hoffnungsvoll. Glasherz, das ist dieser altbekannte Schmerz, den vielleicht jeder schon einmal verspürt hat. Der, von dem man nicht einmal wirklich weiß, wo er herkommt. Der, ohne den es vielleicht auch manchmal nicht geht.

Von Feuer habe ich vielleicht etwas anderes und ganz vielleicht ein bisschen mehr erwartet. Nicht, dass ich den Song schlecht finden würde, allerdings halte ich Feuer als Element für eines der Leitmotive des kompletten Albums – wir erinnern uns an den Titel „Unsere Stadt brennt“ – und dafür finde ich den Song doch etwas schwach.

Nichtsdestotrotz ist die Melodie auch hier sehr eingängig.

Ganz anders wird es dann auch wieder bei Unnormal. Es ist ähnlich „anklagend“, wie Schiffbruch und beschäftigt sich hier mit der Ausgrenzung sogenannter Minderheiten.

Und deshalb schau, schau, schau mal genauer hin, dann merkst du, dass wir alle die Gleichen sind

Was und wer und wie macht den Unterschied, bitte sag es mir

Ich finde die eindeutige Positionierung der Band gut und besonders wichtig, besonders zu Zeiten von PEGIDA. Diese Songs auf dem Album sollte man also wirklich einmal etwas genauer und etwas häufiger hören, denn abgesehen von ihrer Botschaft sind sie dazu auch noch wirklich gut!

Bei Geisterstadt, wie auch schon bei Feuer, ist mir als allererstes aufgefallen, dass sie anfangs irgendwie etwas von Turbostaat haben – nicht, dass es irgendwie abgekupfert klingt. Es ist mehr so ein unterschwelliges Gefühl, das da bei mir aufkommt. Die Art, wie die Gitarre klingt.

Ich höre eine Art Wunsch nach Erinnerung und Bedeutung heraus. „Landflucht“ und Konservatismus. Auflehnung. Aber auch eine gewisse Ausweglosigkeit:

Ob was bleibt und für die Ewigkeit reicht, wenn an Mauern steht „Wir waren hier!“

oder ist unsere Geschichte vorbei, wenn der Regen die Worte verschmiert

Wir hau’n ab, wir sind raus!

An dieser Stelle kommen wir dann zu Komm Zurück und ich bin nicht mehr so ganz sicher, ob ich mich wirklich für einen Lieblingssong entscheiden kann, denn dieser hier kommt auch schon ganz schön nah ran. Dieser ist wieder mehr ein Liebessong und auch hier habe ich wieder eine Zeile, die ebenfalls ziemlich nah an meine Lieblingszeile herankommt:

Weißt du, dass seit du weg bist, alles voll für’n Arsch ist?

Dem Ende nähern wir uns jetzt erst einmal mit Sturm. Der Titel verspricht ja schon wieder ziemlich viel und diesmal bin ich mal wieder voll und ganz zufrieden – wie eigentlich mit dem größten Teils des Albums, aber dazu später mehr.

Sturm ist, einfach gesagt, ein Song über Freundschaft. Eine Freundschaft, die so schnell nichts zerbricht.

Zuletzt gibt es dann noch den Titelsong zum Album Unsere Stadt brennt. Irgendwie knüpft es an Songs wie Geisterstadt an – ähnelt aber auch irgendwie einer Art Zusammenfassung des kompletten Albums. Als würde hier noch einmal im Besonderen die Intention des gesamten Werkes transportiert.

Alles in allem spiegelt sich der Albumtitel für mich auf der gesamten Platte wieder. Unsere Stadt brennt – das bedeutet Feuer. Auf der einen Seite die deutliche Zerstörung. Auf der anderen Seite aber auch eine neue Richtung. Aus dem alten Trott stolpern. Alles neu, alles anders.

All das meine ich so, oder so ähnlich, auch auf dem Album hören zu können.

Für mich ist Unsere Stadt brennt ein starkes Album, auch wenn ich es nicht mit dem Gedanken kaufte, dass es so sein würde, sondern mehr aus Neugier. Ich bin froh, es zu besitzen und hören zu können.

Klare 5/5!

Dabei sind wir Entdecker und Pionier

Revolutionär

Es gibt genug Gründe dafür ..

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